Wappen des Heimat- und Verschönerungsvereins Lengsdorf e.V.

Weinbau in Lengsdorf

Fast tausend Jahre am Hang

Wein wächst in Lengsdorf länger, als es Urkunden über Lengsdorf gibt. Die erste dieser Urkunden stammt aus dem Jahr 1067: Erzbischof Anno II. schenkte dem Kölner Stift St. Georg einen Hof im Ort, und zu diesem Hof gehörten Weinberg und Tennen. Wer eine solche Schenkung macht, verschenkt nichts Neues. Der Weinbau war 1067 also schon da. Er war selbstverständlich genug, um in einem Verzeichnis zu stehen.

Was danach kommt, ist keine Geschichte von Höhepunkten. Es ist die Geschichte einer Arbeit, die neun Jahrhunderte lang jedes Jahr aufs Neue getan wurde, bis sie einmal ausgesetzt hat und wieder aufgenommen wurde.

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Wo die Reben standen

Die Lengsdorfer Weingärten, damals Wingede genannt, lagen vor allem am Kreuzberghang, wo die Sonne am längsten steht. Reben wuchsen auch am Hardtberg und im Flodeling. Historische Karten aus napoleonischer Zeit belegen die Lagen bis heute.

Die Flächen waren beträchtlich. Um 1449 verzeichnet das Museumsarchiv rund 53 Morgen Weingärten in der Lengsdorfer Gemarkung. Eine Steuerliste von 1664 zählt 44 einheimische und vier auswärtige Grundbesitzer, die hier Wein anbauten. Die größte Einzelfläche bewirtschaftete vermutlich der Pächter des Schallenhofes, die Familie Gummersbach, die die Hälfte ihrer Trauben abgeben musste und sie auf eigene Kosten nach Bonn zu fahren hatte.

Wie tief der Weinbau im Ort saß, zeigt sich an den Namen. Die Flurnamen erzählen von ihm: der Käferberg, im Rebengarten, in der roten Kanne. Und um 1600, als noch nicht jede Familie einen festen Nachnamen trug, entstand hier am Kreuzberghang ein Name aus dem Beruf. Aus dem Weingärtner Heinrich wurde Heinrich Weingärtner, sein Sohn Adolph trug den Namen schon fest, und Nachkommen dieser Familie lebten im 18. Jahrhundert bis nach Köln. Ein Lengsdorfer Hang hat einen Familiennamen hervorgebracht.

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Ein Dorf voller Kelterhäuser

Fast jedes Haus hatte eine Kelter. Das ist kein Bild, das ist ein Befund aus den Kaufverträgen: 1629 wechselte in Lengsdorf ein Anwesen mit Scheuer, Backhaus und Kelterhaus den Besitzer, 1678 gehörte einer Lengsdorferin ein Wagenkelter samt Zubehör. Wer keine eigene hatte, ging zu einer der großen. Eine weitere Kelter, an der die kleinen Winzer ihre Ernte verarbeiten konnten, bestand bis um 1930. In der Uhlgasse 22 unterhielten Bonner Klöster einen gewölbten Weinkeller, in dem Jahr für Jahr gekeltert und über die Erträge Buch geführt wurde. Das Haus trug davon noch lange seinen Beinamen: in der Kanzlei.

Die Lese war kein privater Entschluss, sondern ein geregeltes Gemeinschaftswerk. Erst wenn die örtliche Weinbaukommission die Trauben für reif erklärt hatte, verkündete Glockengeläut den Beginn. Vorher waren die Weinberge geschlossen, ihre Grenzen mit Strohwüschen abgesteckt, und niemand durfte hinein. Nachts ging ein Hüter mit kräftigem Stock durch die Zeilen. Tagsüber zog ein Wächter mit einer schweren Vorderladerpistole über den Kreuzberghang und vertrieb mit gewaltigem Schuss die diebischen Spatzen und Stare.

Der Wein selbst war rot, und er war ehrlich beschrieben. „Roth und mittelmäßig“ nennt ihn eine Aufzeichnung von 1830, die dazu bemerkt, die Einwohner von Lengsdorf trieben sämtlich etwas Weinbau. Rot wurde bevorzugt, weil rote Reben größere Mengen gaben. Weiße wuchsen kaum, und was von ihnen kam, taugte meist nur zu Essig. Beliebt war der Lengsdorfer auswärts nicht: Er wurde fast vollständig am Ort getrunken, in den Wirtschaften aus Flaschen und aus steinernen Mötchen, und wenn doch einmal etwas hinausging, dann in kleinen Mengen und gemischt mit dem besseren Ahrwein. Nur einmal, 1866, urteilte ein Chronist großzügiger und zählte das Lengsdorfer Gewächs zu den vorzüglichsten des Bonner Weingeländes.

Die französische Zeit und der Wiederaufbau

Während der französischen Besatzung des Rheinlandes und in den Jahren der Truppendurchzüge danach nahmen die Weinberge schweren Schaden. Am 30. August 1815 ließ der preußische Platzkommandant im Dorf eine Warnung anschlagen: Der Weinbau sei einer der vorzüglichsten Nahrungszweige der Gemeinden, die Klagen über Soldaten, die Trauben abrissen, häuften sich, und die ohnehin geplagten Einwohner seien durch vier missratene Weinjahre aufs Äußerste zurückgesetzt. Das Betreten der Weingärten wurde jedem Soldaten streng verboten, Bürger- und Bauernwachen standen bei den Reben.

Die Lengsdorfer machten sich an die Arbeit. Sie säuberten die verwilderten Gärten, ersetzten die zerstörten Stöcke, und wenige Jahre später brachten 48 Morgen wieder einen Ertrag von 144 Ahm ein. Der Wein trug den Namen Rheinbleichard und wurde vollständig im Ort verzehrt, während die Nachbardörfer bis zur Hälfte ihrer Ernte nach Bonn, Köln und Aachen verkauften. 1818 wurde die Lese wieder auf drei feste Tage gelegt, jeder Berg an seinem Tag, morgens nicht vor sieben Uhr, und das Nachlesen war streng untersagt.

Der lange Abschied

Kaum waren die Weinberge wieder in Ordnung, begannen die Rückschläge. 1840 und 1841 waren sehr schlechte Jahre, 1842 und 1843 brachten nur geringe Erträge, und fortan gab es mehr schlechte Weinjahre als gute. Wie schnell es ging, lässt sich am Lesekalender ablesen: 1818 hatte Lengsdorf für seine Lese noch drei Tage gebraucht, jeden Berg an seinem eigenen. Für die Lese 1841 reichte ein einziger, und der galt für Endenich und Lengsdorf zusammen, deren Weingärten so aneinandergrenzten, dass die eine Lese ohne die andere nicht gut stattfinden konnte.

Dazu kamen Schädlinge und Krankheiten: Reblaus, Traubenwickler, Laubrausch und Mehltau. Wirksame Mittel gab es nicht. Ein Stock nach dem anderen ging ein.

Daneben veränderte sich, was sich lohnte. Ein Gemeinderatsbeschluss vom 8. Oktober 1854 schließt die Weinberge und erlaubt zugleich, dienstags und freitags dort Gemüse zu holen und zu arbeiten. Zwischen den Reben wuchs also bereits Gemüse. Die Städte wuchsen, der Kölner Markt verlangte Frischgemüse, und ab 1844 fuhr ein Marktzug von Bonn nach Köln. Die jüngeren Leute wandten sich zuerst ab; die älteren Bauern konnten sich von ihren gewohnten Winzerarbeiten nicht trennen.

Man kann diesem Wandel beim Näherkommen zusehen. Er zog von Norden nach Süden, der Nähe zum Kölner Markt folgend, das Vorgebirge herab: Walberberg, Trippelsdorf und Rösberg gaben 1850 auf, Merten und Sechtem 1858, Waldorf 1875, Bornheim 1890, Roisdorf 1901. Im Jahr darauf wurde der letzte Duisdorfer Weinberg gerodet. Der Nachbarort war damit zwei Jahre vor Lengsdorf am Ende.

Den letzten Rest besorgte die Bürokratie. Seit 1819 war der Wein besteuert, ein Kontrolleur ritt durch die Berge und verglich das Kataster mit dem Bestand. Auch als längst gerodet war, suchte er in den Gärten noch nach den letzten Stöcken, denn solange einer stand, musste er gemeldet und kontrolliert werden. Mancher Bauer hätte gern noch ein paar Reben für den eigenen Bedarf behalten. Aber wer ungern schrieb und noch ungerner Formulare ausfüllte, verzichtete lieber auf den letzten Hausstock.

Am 28. September 1877 erging zum letzten Mal die schriftliche Anordnung, die Weinberge zu schließen. Am längsten hielt sich bis 1903 ein Weingarten des aus Lengsdorf gebürtigen Dr. Linzbach. Im Jahr 1904 musste die Lokalkommission für Weinbau aufgelöst werden, denn in diesem Jahr wurde erstmals gar kein Weinbau mehr betrieben. Nach mehr als acht Jahrhunderten hatte Lengsdorf aufgehört, ein Weinort zu sein.

Der Letzte war der Ort damit nicht. In Kessenich stand 1904 noch ein Hektar Reben, in Dottendorf sogar drei. Aber wo neun Jahrhunderte lang Wein gemacht worden war, wurde keiner mehr gemacht.

Wie dieser Schädling überhaupt in die Bonner Gegend kam, erzählt eine eigene Seite: Wie kam die Reblaus nach Bonn?

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Was wiederkam

Siebzig Jahre lang wuchs in Lengsdorf kein Wein mehr. Aber der Ort vergaß ihn nicht. In den Wirtschaften wurden noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Oktober nach altem Brauch die Winzerfeste gefeiert, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Brauch wieder aufgegriffen. 1968 besann sich der Ortsfestausschuss mit Adam Leyendecker an der Spitze, gemeinsam mit Jakob Nettekoven, der alten Lengsdorfer Weintradition und richtete das erste Weinfest neuer Zeitrechnung aus. Gefeiert wurde damit zunächst eine Erinnerung.

Dass daraus wieder Wein wurde, ist der Beharrlichkeit einzelner Mitglieder des Heimat- und Verschönerungsvereins zu verdanken. Sie pflanzten an ihren Häusern und in ihren Gärten wieder Reben an. Es dauerte Jahre, bis die jungen Stöcke trugen. Dann, 1981, war es so weit: Zum ersten Mal nach 77 Jahren konnte wieder ein Lengsdorfer Wein gelesen werden. Seither ist diese Kette nicht mehr abgerissen. Wer diese Rückkehr gemacht hat, erzählt die Seite über die Winzer.

Wie wenig selbstverständlich das ist, zeigt ein Blick über den Hang. Am Annaberg bei Friesdorf, wo die Reblaus in Deutschland zum ersten Mal auftrat, sind die alten Weinbergsterrassen bis heute Wald geblieben. Die Böden dort sind dieselben, das Wetter ist dasselbe, und gegen die Reblaus gibt es längst ein Mittel. Zurückgekehrt ist der Wein trotzdem nicht. In Lengsdorf wird gelesen, weil sich jemand dafür entschieden hat.

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Das Weinjahr heute

Der Weinbau in Lengsdorf ist keine Saisonarbeit. Er ist eine ganzjährige Aufgabe, die den Jahreszeiten folgt und keine Abkürzung kennt. Im Winter werden die Reben geschnitten. Im Frühjahr und Sommer werden sie gepflegt, ausgegeizt und im Laub geschnitten, und dann wird gewartet und beobachtet und gehofft, dass das Wetter mitspielt. Anfang September, wenn die Trauben reif sind, kommt die Lese, für die alles andere Vorbereitung war. In den Jahren, in denen Weinfest ist, liegt sie kurz davor, damit auf dem Dorfplatz etwas zu pressen ist.

Die Reben stehen nicht in einem Weinberg, sondern verteilt über das Dorf: in Gärten, an Hauswänden, auf kleinen Parzellen. Weiße und rote Sorten stehen dabei nebeneinander. Je nach Jahrgang entstehen daraus rund 200 Flaschen Lengsdorfer Wein. Das ist wenig. Es ist genau so viel, wie Handarbeit hergibt.

Und darin liegt die eigentliche Kontinuität. Der Rebschnitt im Februar unterscheidet sich nicht wesentlich von dem, den ein Lengsdorfer im Jahr 1449 vorgenommen hat. Die Trauben brauchen dieselbe Zeit, das Wetter ist genauso wenig verhandelbar, und am Ende entscheidet, ob jemand hingegangen ist und die Arbeit getan hat. Neun Jahrhunderte lang hat das jemand getan. Mit einer Unterbrechung von 77 Jahren.