Lengsdorfer Brauchtum

Das Lengsdorfer Jahr, ein Rhythmus, der verbindet.

Lengsdorf hat einen ganz eigenen Rhythmus. Er ist älter als die meisten seiner Einwohner, älter als viele Häuser in der Nachbarschaft, und er beginnt immer wieder von Neuem. Hinter jedem Fest, hinter jeder Veranstaltung stehen Menschen, die planen, aufbauen, kochen, dekorieren, moderieren und hinterher aufräumen. Viele von ihnen tun das seit Jahrzehnten, manche schon seit ihrer Jugend.

Dieser Rhythmus ist keine Selbstverständlichkeit. Er entsteht nicht von allein, und sein Wert zeigt sich besonders dann, wenn er unterbrochen wird, wie während des Lockdowns in der Pandemie. Lengsdorf hat das erlebt. Und Lengsdorf hat seine Kultur und sein Brauchtum bewahrt.

Der Heimat- und Verschönerungsverein Lengsdorf e.V. trägt diesen Rhythmus mit: als Organisator, als Mitgestalter, als Hüter. Und er dokumentiert ihn. In unserem Archiv schlummern mehrere tausend Fotografien und Filmaufnahmen aus Jahrzehnten Lengsdorfer Vereins- und Kulturlebens. Ein Schatz, der nach und nach gehoben und hier zugänglich gemacht wird.

Frühling

März, April, Mai

Der Winter neigt sich dem Ende zu, und Lengsdorf begrüßt den Frühling. Die Saison beginnt mit Ostern: Die Schützen richten jedes Jahr das Ostereierschießen aus, und der Kreislauf des Dorflebens setzt von Neuem ein.

Im Mai wird der Maibaum aufgestellt, mit vereinten Kräften und großer Freude. Bunte Krepppapierbänder werden um die Zweige gewickelt, junge Leute helfen bei Wind und Wetter beim Aufrichten. Die Krönungszeremonie findet auf dem Platz vor dem Heimatmuseum statt: Der Spielmannszug begleitet die neue Maikönigin musikalisch, und der Zeremonienmeister setzt ihr vor allen Anwesenden die Krone auf. Ihr Name wird in die Erinnerung des Ortes eingraviert, ein Jahr lang wird sie Lengsdorf bei offiziellen Anlässen repräsentieren. Das Maifest führt die Dorfgemeinschaft zusammen. Man sitzt beisammen, redet und lacht und spürt, dass der Frühling nicht nur draußen angekommen ist, sondern auch im Ort.

Bis vor wenigen Jahren schlängelte sich kurz nach dem Maifest die Fronleichnamsprozession durch die Straßen, eine feierliche Tradition, die das katholische Erbe des Rheinlands widerspiegelte.

Sommer

Juni, Juli, August

Der Sommer gehört der Gemeinschaft. Grillfest und Sommerfest sind feste Größen im Jahreslauf, ein Zeichen dafür, dass die Menschen in Kontakt bleiben. Und überall im Ort reifen an den Rebstöcken die Trauben für den Lengsdorfer Wein. Der Weinbau ist in Lengsdorf keine Folklore, sondern echtes Erbe: Seit 1981, mit der Pflanzung der ersten Reben, wird eine Tradition fortgeführt, die urkundlich bis ins 9. Jahrhundert zurückreicht. Die Weinstöcke werden geschnitten und gepflegt, bis die Trauben im Herbst reif sind und gelesen werden.

Anfang August kommt die Kirmes, historisch verankert im Patronatstag der Pfarrkirche St. Peter, heute ein Dorffest. Ihr Ort hat sich mit der Zeit verändert: Bis 2018 fand die Kirmes auf der Straße Im Mühlenbach vor dem Vereinshaus statt, 2022 feierten die Lengsdorfer nach der Corona-Zeit ein kleines Dorffest ohne Schausteller, und seit 2023 findet die Lengsdorfer Kirmes auf dem Dorfplatz statt. Am Samstag zieht der Köttzoch mit Musik und Fahnenschwenkern durch die Straßen und vor die Häuser, um die Sammelbüchsen für den Seniorentag im Herbst zu füllen.

Am letzten Abend der Kirmestage ändert sich der Ton. Ein Trauerzug setzt sich in Bewegung: die künftige Witwe, der Kirmesmann Zacheies (eine als Mann gekleidete Strohpuppe) und eine Schar von Klageweibern ziehen durch den Ort zum Richtplatz am Kirmesgelände. Dort wartet der Ankläger mit einer langen Liste. Der Zacheies muss für alle Schandtaten geradestehen, die dem Ort im Lauf des Jahres widerfahren sind, und am Ende ist sein Schicksal besiegelt: Nach einer festen Choreografie geht er in Flammen auf. Der HVV pflegt diese alte Tradition, die Zacheiesverurteilung, als alleiniger Träger. Damit ist die Kirmes zu Ende. Und mit ihr endet der Sommer, so, wie er begonnen hat: gemeinsam.

HVV Lengsdorf

HVV Lengsdorf

Herbst

September, Oktober, November

Alle zwei Jahre macht sich Lengsdorf im Herbst ganz besonders fein. Dann ist auf dem Dorfplatz etwas Besonderes los: das traditionelle Lengsdorfer Weinfest. Drei Tage lang wird rund um den Wein gefeiert. Die neue Weinkönigin wird gekrönt, ihre Vorgängerin würdevoll und dankbar verabschiedet. Ein Programm voller Höhepunkte, viel Livemusik, ein zauberhaft geschmückter Ortsmittelpunkt, unsere Winzer in Residenz und Hunderte Gäste aus nah und fern gehören dazu. Zwei Jahre lang wird die neue Weinmajestät den Ort bei öffentlichen Anlässen und Einladungen vertreten.

Ist das Fest vorbei, beginnt die Weinlese für den neuen Jahrgang, in der Hoffnung auf einen guten Tropfen, am Ende abgefüllt in etwa 200 Flaschen. Danach folgt die Apfelernte, und ehe man sich versieht, ist schon wieder Kürbisschnitzen an der Reihe. Kinder und Erwachsene bohren mit großer Entschlossenheit und viel handwerklichem Einsatz fratzenhafte Gesichter in das leuchtend orangefarbene Gemüse. Irgendwann fällt dabei auf, dass das Jahr schon wieder zur Neige geht.

Dann ist November, und St. Martin steht vor der Tür. Die Kinder des Ortes ziehen mit selbstgebastelten Laternen durch die Straßen, angeführt von St. Martin auf seinem Pferd, begleitet von seinem Knappen, von vielen ehrenamtlichen Helfern und von Musikkapellen. Der Martinszug zu Ehren des Heiligen Martin von Tours gehört zu den unverzichtbaren Momenten des Lengsdorfer Jahres.

HVV Lengsdorf

HVV Lengsdorf

Winter

Dezember, Januar, Februar

Vor dem ersten Advent werden entlang der Lengsdorfer Hauptstraße die Tannenbäume aufgestellt. Ein Team aus Mitgliedern von OFA und HVV übernimmt diese Aufgabe Jahr für Jahr, und für das Schmücken stehen Anwohner und Kindereinrichtungen des Ortes schon in den Startlöchern. Um den 6. Dezember herum kommt der Nikolaus vor das Heimatmuseum. Er bringt den Kindern kleine Geschenktüten mit Schokolade, Apfel, Nuss und Mandelkern, und für die Erwachsenen gibt es Punsch.

Dann ist Weihnachten. Kaum hat das neue Jahr begonnen, ziehen die Sternsinger von Haus zu Haus, um ihren Segen zu bringen und für karitative Zwecke zu sammeln. Und schon geht die Karnevalszeit richtig los. Am Karnevalsfreitag steht Lengsdorf Kopf. Pünktlich um 14:30 Uhr setzt sich der Karnevalszug in Bewegung, bunt, laut und ausgelassen. Wer diesen Zug einmal erlebt hat, kommt immer wieder. Hier feiert ein ganzes Dorf und lädt seine Gäste ein, für ein paar Stunden Teil der Ortsgemeinschaft zu werden. Hier feiert keine Kulisse, hier feiert eine Gemeinschaft.

Wenn am 6. Januar die Sternsinger ein letztes Mal ihres Jahrgangs ziehen, schließt sich der Jahreskreis. Das neue Jahr beginnt, und der vertraute Rhythmus setzt von Neuem ein. Der Heimat- und Verschönerungsverein Lengsdorf e.V. trägt ihn mit, Fest für Fest, Jahr für Jahr.