Das Lengsdorfer Weinfest
Das Fest, das den Wein zurückgeholt hat
Der Festzug geht durch das Veedel, auf dem Dorfplatz vor St. Peter spielt die Musik, vor dem Heimatmuseum dreht sich die Kelter, und irgendwann wird es kurz still, weil die neue Weinkönigin gekrönt wird. Es ist das größte Fest, das der Ort zu bieten hat.
Und es ist das zäheste. Von allem, was zur Lengsdorfer Weinkultur gehört, hat das Fest am längsten durchgehalten. Es hat den Weinbau überlebt, und am Ende hat es ihn zurückgeholt.
Als das Fest den Wein überlebte
Im Jahr 1904 löste sich in Lengsdorf die Weinbaukommission auf, weil in diesem Jahr erstmals gar kein Wein mehr angebaut wurde. Das war das Ende von acht Jahrhunderten Weinbau.
Das Ende der Feste war es nicht.
Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden nach altem Brauch im Oktober in allen Lengsdorfer Wirtschaften die Winzerfeste statt. In Winzerlauben boten die Winzerinnen einen guten Tropfen an, und auf der Tanzfläche drehten sich die Paare. Man muss das einen Moment stehen lassen: Der Ort feierte Winzerfeste, obwohl es keine Winzer mehr gab. Jahrzehntelang. Was blieb, war nicht der Wein. Was blieb, war der Oktober, die Wirtschaft, die Laube, der Tanz.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Brauch wieder aufgegriffen.
Die Kelter kam zuerst
1966 wurde eine alte Lengsdorfer Weinpresse restauriert und auf dem Dorfplatz vor der Kirche aufgestellt: eine Doppelkelter, die dort bis heute steht und an die Jahrhunderte erinnert, in denen hier Wein gemacht wurde. Ein Foto aus dem Museumsarchiv hält den Moment fest, mit der damals nagelneuen Raiffeisenkasse im Hintergrund. Das Älteste und das Neueste des Dorfes auf einem Bild.
1966 ist noch aus einem zweiten Grund ein Datum. Am 14. März dieses Jahres wurde der Heimat- und Verschönerungsverein gegründet, weil absehbar war, dass der Gemeinderat die Heimatpflege bald nicht mehr würde leisten können. Die Presse aufzustellen gehörte zu den ersten Taten des jungen Vereins.
Wie der Wein nach Lengsdorf kam
Am 30. September und 1. Oktober 1972 feierte Lengsdorf sein drittes Weinfest. Was diesem Fest vorausging, steht in der Zeitung, und es beantwortet eine Frage, die man beim Lesen der ganzen Geschichte irgendwann stellt: Woher nimmt ein Ort ohne Weinberge den Wein für ein Weinfest?
Er fährt hin und probiert.
Der Weinfestausschuss war vorher unterwegs gewesen, nach Dhron an der Mosel und nach Niedersaulheim am Rhein. Sechsundzwanzig Sorten hat er verkostet, bevor er sich entschied. Aus den beiden Weinbrunnen auf dem Dorfplatz, kündigte die Zeitung an, werde „Rebensaft von Rhein und Mosel“ strömen.
Fünftausend Liter, kein Tropfen von hier
Wie groß dieses Fest schon in seinen ersten Jahren war, zeigt die Berichterstattung über das vierte Weinfest im Jahr 1974. „Ein farbenprächtiger Festzug in Lengsdorf“, schrieb der General-Anzeiger. „Weinbrunnen sprudelten in Lengsdorf.“ Und: „Beim Weinfest flossen 5000 Liter Rebensaft.“ Rund sechshundert Musiker zogen mit, eine Delegation aus Villemomble war zu Gast, an ihrer Spitze der stellvertretende Bürgermeister Gérard Lenoir, dazu Weinköniginnen aus der Nachbarschaft und von der Mosel.
Fünftausend Liter Wein. Die Zeitung schreibt auch, was für welcher: an zwei Weinbrunnen, an beiden Festtagen, „5000 Liter Mosel- und Rheinwein aus 29 verschiedenen Rebensorten“.
Wie heute gefeiert wird
Drei Tage lang gehört der Dorfplatz neben St. Peter dem Fest. Es gibt Livemusik und Ausschank, und der Festzug zieht durch das Veedel, mit einem eigenen Wagen des Heimat- und Verschönerungsvereins.
Der Moment, an dem der HVV am sichtbarsten ist, findet vor dem Heimatmuseum statt. Dort steht die Kelter, die Trauben werden eingelegt, die Presse dreht sich, der Most läuft. Wer möchte, kann selbst Hand anlegen. Seit 1981 gehört diese öffentliche Kelterung zum Weinfest, und gelesen wird eigens kurz davor, damit es etwas zu pressen gibt. Es ist die einzige Stunde im Jahr, in der eine Arbeit, die sonst still in Gärten und an Hauswänden geschieht, ein Publikum hat.
Und dann wird die Weinkönigin gekrönt, die den Ort für die nächsten zwei Jahre vertritt. Ihre Amtszeit dauert genau so lange wie der Abstand zum nächsten Fest.
Wer das Fest trägt
Veranstalter des Weinfests ist der Weinfestausschuss Lengsdorf. Er ist kein Verein und keine Abteilung, sondern ein eigenständiger Ausschuss, der sich alle zwei Jahre neu aus den Lengsdorfer Ortsvereinen bildet. Für jedes Fest also wieder von vorn, mit denselben Leuten in wechselnder Zusammensetzung.
Der Heimat- und Verschönerungsverein ist einer dieser Vereine. Er stellt die Winzer und die öffentliche Kelterung, er fährt den Wagen im Festzug, und er richtet das Museum her. Er ist fester Bestandteil des Programms, aber er ist nicht der Veranstalter. Das Weinfest gehört keinem einzelnen Verein. Es gehört dem Ort.
Hier feiert keine Kulisse, hier feiert eine Gemeinschaft.
Das 29. Lengsdorfer Weinfest 2026
Wann: 18. bis 20. September 2026
Wo: Dorfplatz neben der Pfarrkirche St. Peter; Kelterung vor dem Heimatmuseum
Veranstalter: Weinfestausschuss Lengsdorf
Das 28. Weinfest fand vom 13. bis 15. September 2024 statt. Das nächste ist das neunundzwanzigste. Programm und Aktuelles beim Weinfestausschuss. Das Bildarchiv vergangener Weinfeste liegt im Lengsdorfer Gemeinschaftsarchiv auf lengsdorf.info.



















