Weinkultur in Lengsdorf
Fast tausend Jahre Wein – lebendig bis heute
Wein gehört zu Lengsdorf, seit es Lengsdorf gibt – fast. Die erste urkundliche Erwähnung Lengsdorfer Weingärten stammt aus dem Jahr 1067, als Erzbischof Anno II. sie dem Kölner Stift zum heiligen Georg schenkte. Mitte des 15. Jahrhunderts umfasste der Weinbau in der Lengsdorfer Gemarkung bereits rund 53 Morgen. Über Jahrhunderte prägte der Wein den Ort: Die Reben wuchsen am Kreuzberghang, am Hardtberg und im Flodeling, fast jedes Haus besaß eine eigene Kelter, und Flurnamen wie „In der roten Kanne“ erinnern bis heute an diese Zeit.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam das Ende. Schlechte Weinjahre, Schädlinge wie die Reblaus, der lohnendere Gemüseanbau und die preußische Weinsteuer drängten den Weinbau zurück. 1904 wurde die Lengsdorfer Weinbaukommission aufgelöst – Lengsdorf hatte aufgehört, ein Weinort zu sein.
Doch die Erinnerung blieb. 1978 schlug der Ortsfestausschuss-Vorsitzende Fritz Flatten beim Weinfest vor, die alte Tradition wiederzubeleben. Karl Keienburg und Karl Vogel vom Heimat- und Verschönerungsverein setzten die Idee in die Tat um: 1981 wurde nach 77 Jahren erstmals wieder Lengsdorfer Wein gekeltert. Seither reißt die Tradition nicht mehr ab.
Heute pflegt der HVV einen eigenen Rebbestand, keltert jedes Jahr aufs Neue und feiert alle zwei Jahre das Lengsdorfer Weinfest. Was hier geschieht, ist keine Folklore, sondern gelebtes Handwerk – eine der ältesten Kontinuitäten, die Lengsdorf besitzt.
An anderer Stelle erzählen wir diese Geschichte ausführlicher: vom Weinbau und den Menschen dahinter über das Weinfest und seine Weinköniginnen bis zu der Frage, wie die Reblaus einst nach Bonn kam.
Weinbau in Lengsdorf
Zum Weinbau in Lengsdorf: Von 1067 bis heute – eine fast tausendjährige Praxis
Der Weinbau in Lengsdorf ist alt. Schon 1067 sind Weingärten am Ort überliefert, und 1449 umfasste die Anbaufläche rund 53 Morgen. Die Reben standen vor allem am sonnigen Kreuzberghang und in den Lagen rund um den Hardtberg und das Flodeling. Der Lengsdorfer Wein war überwiegend rot – eine Beschreibung von 1830 nennt ihn „roth und mittelmäßig“, denn die roten Reben gaben größere Mengen. Er wurde meist am Ort getrunken; nur in kleinen Mengen und mit dem besseren Ahrwein gemischt gelangte er in andere Gegenden. Fast jedes Haus besaß eine eigene Kelter, und die Weinlese war ein geregeltes Gemeinschaftswerk: Erst wenn die örtliche Weinbaukommission die Reife der Trauben festgestellt hatte, kündigte Glockengeläut den Beginn der Lese an.
Heute führt der Heimat- und Verschönerungsverein diese Praxis fort. Der Weinbau ist dabei keine Saisonarbeit, sondern eine ganzjährige Aufgabe: Im Winter werden die Reben geschnitten, im Frühjahr und Sommer gepflegt, ausgegeizt und im Laub geschnitten, bis die Trauben im Herbst reif sind. Aus der jährlichen Lese entstehen je nach Jahrgang rund 200 Flaschen Lengsdorfer Wein.
Diese Arbeit ist Handwerk im Wortsinn: geduldig, wetterabhängig und an den Rhythmus der Jahreszeiten gebunden. Sie macht den Lengsdorfer Wein zu einer knappen, handgefertigten Rarität – weit entfernt von industrieller Produktion und fest verwurzelt in einer Tradition, die hier seit fast tausend Jahren lebendig ist.
Lengsdorfer Winzer
Menschen und Handwerk hinter dem „St.-Petri-Garten“
Hinter dem Lengsdorfer Wein stehen Menschen, die ihn über Jahrzehnte getragen haben. Als 1978 beim Weinfest die Idee aufkam, die alte Weintradition wiederzubeleben, fanden sich zwei Männer, die sie verwirklichten: Karl Keienburg, damals Vorsitzender des Heimat- und Verschönerungsvereins, und sein Stellvertreter Karl Vogel, der den Lengsdorfer Weinbau jahrelang mit großer Sorgfalt organisierte. Vogel gab dem Wein in Anlehnung an die katholische Pfarrkirche St. Peter den Namen „St.-Petri-Garten“.
Über viele Jahre prägte Heinz-Jürgen Kirwald die Weinkultur des Vereins. Er gestaltete die Festschriften zum Weinfest und die Etiketten des Lengsdorfer Weins und führte den Besuchern jährlich die Kelterung vor dem Heimatmuseum vor – bis zu seinem Tod im Jahr 2023.
Heute liegt die Weinarbeit in den Händen der HVV-Hobbywinzer Wolfgang Schick und Andreas Kolits.
Anfang September, wenn die Trauben ihre Reife erreicht haben, beginnt mit Unterstützung der Mitglieder des Heimatvereins in den Gärten in Lengsdorf die Weinlese. Die Lengsdorfer Hobbywinzer beginnen nun die eigentliche Arbeit der Weinherstellung. Nach dem Trennen der Trauben von ihren Stängeln (Entrappen) werden sie in einer Weinpresse gekeltert.
Unter Keltern (abgeleitet vom lateinischen Wort calcare für „Stampfen“) versteht man das schonende Auspressen der Weintrauben. Der Vorgang trennt den flüssigen Saft (Most) von den festen Bestandteilen wie Schalen und Kernen. Der Most (Traubensaft) wird in Weintanks zu Wein vergoren. Anschließend wird er, wenn er seine Qualität als Lengsdorfer Wein erreicht hat, bei einem Winzerbetrieb als Rotling abgefüllt.
Verkaufen darf der Verein ihn jedoch nicht, denn rechtlich gilt er als Tafelwein. Das Ergebnis ist ein Wein mit Geschichte: in Handarbeit gemacht, in kleiner Menge, von Menschen, die ihn nicht des Gewinns wegen pflegen, sondern weil ihnen an der Bewahrung einer fast tausendjährigen Tradition gelegen ist. Jeder Jahrgang trägt die Handschrift derer, die ihn gemacht haben, und reiht sich ein in eine Kette, die 1981 neu begann und seither nicht mehr abgerissen ist.
Lengsdorfer Weinfest
Alle zwei Jahre: das größte Fest des Ortes
Das Lengsdorfer Weinfest ist das größte Fest, das der Ort zu bieten hat. Seine Wurzeln reichen weit zurück: Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden im Oktober in den Lengsdorfer Wirtschaften die beliebten Winzerfeste statt, bei denen in Winzerlauben ein guter Tropfen ausgeschenkt wurde und die Paare tanzten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Brauch wieder aufgegriffen. Seither wird alle zwei Jahre ein großes Weinfest gefeiert, und auf dem Dorfplatz vor der Pfarrkirche St. Peter erinnert eine alte Doppelkelter an die jahrhundertelange Weintradition des Ortes.
Beim Weinfest 1978 schlug der Ortsfestausschuss-Vorsitzende Fritz Flatten vor, auch den Weinbau selbst wiederzubeleben – der Anstoß, aus dem 1981 die erste neue Lese hervorging. Heute gehört das Fest zum Herbst wie die Lese selbst. Der Festzug zieht durch das Veedel, mittendrin der HVV-Wagen mit dem großen Holzfass. Vor dem Heimatmuseum steht die Kelter: Trauben werden eingelegt, die Presse dreht sich, der Most läuft, und wer möchte, kann selbst Hand anlegen. Dazu gibt es Livemusik und den Ausschank erlesener Weine. Ein besonderer Höhepunkt ist die Krönung der neuen Weinkönigin, die für die folgenden zwei Jahre die Weinkultur Lengsdorfs repräsentiert.
Organisiert wird das Weinfest vom Weinfestausschuss Lengsdorf, einem eigenständigen Ausschuss, der alle zwei Jahre neu aus den Lengsdorfer Ortsvereinen gebildet wird. Der HVV ist mit seinen Hobbywinzerinnen und -winzern und der öffentlichen Kelterung fester Bestandteil des Programms.
Das 28. Weinfest fand 2024 statt; das nächste folgt 2026. Drei Tage lang feiert Lengsdorf damit eine Kontinuität, die bis ins Jahr 1067 zurückreicht.
Die Lengsdorfer Weinköniginnen
Ein Amt mit eigener Tradition
Zu jedem Lengsdorfer Weinfest gehört die Krönung einer Weinkönigin. Sie wird im Rahmen des Festes gekrönt und repräsentiert für die folgenden zwei Jahre – bis zum nächsten Weinfest – die Weinkultur des Ortes. Das Amt hat in Lengsdorf eine eigene Tradition und steht sinnbildlich für die Verbindung von Wein, Fest und Gemeinschaft, die den Ort seit Jahrhunderten prägt.
Schon zu den ersten Festen der wiederbelebten Weintradition gehörte eine Weinkönigin: 1987 etwa wirkte Weinkönigin Martina I. bei der Weinlese auf dem Dorfplatz mit. Seither hat eine ganze Reihe junger Frauen das Amt getragen und das Lengsdorfer Weinfest nach innen wie nach außen vertreten.
Amtierende Weinkönigin ist Antonia I., die beim 28. Weinfest am 13. September 2024 gekrönt wurde und Lengsdorf bis zum Weinfest 2026 repräsentiert. Sie steht damit in einer Tradition, die ebenso zur Weinkultur des Ortes gehört wie die Reben, die Kelter und das Fest selbst.
Die Weinkönigin ist kein bloßes Schmuckamt. Sie ist beim Festzug dabei, bei der Kelterung, beim Ausschank und bei den Begegnungen, die ein Weinfest ausmachen. Sie verkörpert die Gastfreundschaft des Ortes, und sie trägt ein Stück Lengsdorfer Geschichte weiter, das ohne die Menschen, die es lebendig halten, längst vergessen wäre.
Eine vollständige Übersicht aller bisherigen Lengsdorfer Weinköniginnen wird auf der Website des Weinfests dokumentiert.
Wie kam die Reblaus nach Bonn?
Schon die Römer bauten in der Region Wein an, doch ein Schädling zerstörte ab 1874 die Weinstöcke rund um Bonn. Die Reblaus tauchte vor 150 Jahren erstmals auf dem Annaberg bei Bonn auf. Wer das verursacht hat, ist bemerkenswert.
So wurde die Reblaus nach Deutschland eingeschleppt.
An den dicht bewachsenen Hängen im Annaberger Tal verstecken sich noch die früheren Terrassen der Weinberge. Eine historische Postkarte aus dem Bestand des Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte (VHH) Bad Godesberg zeigt, dass die obere Annaberger Straße auf dem Weg zum Annaberger Schloss von Weinbergen gesäumt war. Ausgerechnet hier tauchte vor 150 Jahren erstmals die Reblaus in Deutschland auf, wie Professor Wolfgang Böhme in einem Vortrag beim Heimatverein und in Band 61 der Godesberger Heimatblätter berichtet.











