Sonderausstellungen
Das Heimatmuseum beschränkt sich nicht auf seine Dauerausstellung. In regelmäßigen Abständen zeigt es Sonderausstellungen zu wechselnden Themen aus der Heimat- und Volkskunde, ergänzt durch Vorträge und Exkursionen, die historische und kulturelle Themen aus Lengsdorf und der Region vertiefen.
Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Sonderausstellung „Die Römer in Lengsdorf“, eingerichtet anlässlich einer Leihgabe des LVR-LandesMuseums Bonn. Deren Bestandteile sind heute dauerhaft im Museum zu sehen.
Die Römer in Lengsdorf
Eine Entdeckung auf Umwegen
Am 28. November 2012 bekam das Heimatmuseum Bonn-Lengsdorf Fundstücke aus der Römerzeit als Leihgabe des LVR-LandesMuseums Bonn. Dr. Gabriele Uelsberg und Dr. Susanne Willer brachten die Fundstücke, die im Ort bei Bauarbeiten entdeckt worden waren, zurück nach Lengsdorf. Wie es zu dieser Übergabe kam, ist selbst eine Geschichte wert.
Der Lengsdorfer Geschichtsforscher Wilfried Schneider suchte eigentlich bei der Stelle für Boden- und Denkmalpflege des LVR-LandesMuseums nach alten Fotos für einen Lengsdorf-Kalender. Dabei stieß er auf Landkarten von 1933 mit Ausgrabungsfunden in der Gemarkung Lengsdorf, im Bereich der ehemaligen Lengsdorfer Ziegelei, heute „Im Eilig“ und „Auf der Kaiserfuhr“. Anhand der Inventarnummern stellte sich heraus, dass die Funde, darunter die „Terrakotta einer sitzenden Matrone mit Kind“, im Depot in Meckenheim lagerten.
Und so kam es, dass die Matrone und weitere Fundstücke aus dem römischen Fassbrunnen vom LVR-LandesMuseum dem Heimat- und Verschönerungsverein für sein Heimatmuseum in der Lengsdorfer Hauptstraße 16 in einer kleinen Feierstunde übergeben wurden.
Übergabe der römischen Leihgaben, 28. November 2012.
Von links: Dr. Gabriele Uelsberg (damalige Direktorin des LVR-LandesMuseums Bonn), Christoph Schada von Borzyskowski (damaliger 1. Vorsitzender des HVV Lengsdorf e.V., heute Ehrenvorsitzender) und Wilfried Schneider (Lengsdorfer Bürger, der die Funde im LVR-Archiv wiederentdeckt hatte). Uelsberg und Schada halten gemeinsam mit Museumshandschuhen ein Fragment aus dem römischen Fassbrunnen, der in den 1930er Jahren auf dem Gelände der ehemaligen Lengsdorfer Ziegelei freigelegt worden war.
Das Bild dokumentiert einen institutionellen Schlüsselmoment die Eingliederung der römischen Fundgruppe in die Sonderausstellung des Heimatmuseums und die formelle Kooperation zwischen HVV und LVR-LandesMuseum Bonn.
Feierstunde zur Übergabe der römischen Leihgaben, 28. November 2012.
Von links: Stefan Rothkegel (1. Vorsitzender des Bonner Heimat- und Geschichtsvereins), Petra Thorand (damalige Bezirksbürgermeisterin Hardtberg), Dr. Gabriele Uelsberg und Christoph Schada von Borzyskowski begrüßen die Gäste. Im Hintergrund die neu eingerichtete Vitrine mit den Fundstücken aus dem römischen Fassbrunnen, keramischen Gefäßen und einem Krug aus der Lengsdorfer Keramiktradition.
Dr. Susanne Willer, Referentin für Provinzialrömische Archäologie am LVR-LandesMuseum Bonn, und ihre Assistentin bei der Besichtigung der Ausstellung. Im Hintergrund: die lebensgroße Figur eines römischen Legionärs sowie Vitrinen mit Exponaten und gerahmten Gemälden Lengsdorfer Ortsansichten.
Ein römischer Gutshof in Lengsdorf
In den 1930er Jahren wurde im Bereich der städtischen Ringofenziegelei in Lengsdorf ein römischer Fassbrunnen freigelegt. Der Brunnen sowie weitere Funde, vor allem Alltagsgegenstände, weisen darauf hin, dass sich dort in römischer Zeit eine Hofanlage, eine Villa rustica, befunden haben könnte. Im Umland von Bonn gab es viele solcher landwirtschaftlichen Betriebe, die für die Versorgung der in Bonn stationierten Legionstruppen notwendig waren.
Eine Villa rustica war ein typischer Gutshof der römischen Provinzen, der sowohl der landwirtschaftlichen Produktion als auch dem Wohnen diente. Diese Bauform findet sich im gesamten Bonner Umland und zeugt von der dichten Besiedlung der Region in der Römerzeit. (Ergänzende Quelle: LVR-LandesMuseum Bonn, Abteilung Provinzialrömische Archäologie)
Die Matrone, Terrakotta einer sitzenden Göttin
Die leider nicht vollständig erhaltene Terrakotta einer sitzenden Göttin mit Beifigur stand vielleicht in einem kleinen Hausheiligtum der Villa rustica, in dem die Schutzgottheiten der Familie und des Hofes verehrt wurden. Mit ihrer einheimischen ubischen Tracht, dem vor der Brust mit einer Fibel geschlossenen Mantel und der zu ergänzenden Haube auf dem Kopf, sowie dem Fruchtkorb auf ihrem Schoß, ähnelt die Figur den Darstellungen der Matronen auf den römischen Weihaltären im Rheinland.
Der Matronen-Kult war im römischen Rheinland besonders verbreitet. Die Göttinnen wurden als Beschützerinnen von Familie, Heim und Ernte verehrt und sind durch Hunderte von Weihaltären im Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz belegt. (Ergänzende Quelle: LVR-LandesMuseum Bonn)
Die Fundstücke im Einzelnen
Zwei Tongewichte von einem Webstuhl, 1.-3. Jahrhundert
Tongewichte wurden an den Kettfäden des senkrecht stehenden Webstuhls befestigt, um sie zu spannen. Je schwerer die Gewichte, desto gleichmäßiger das Gewebe. Ihr Vorhandensein in Lengsdorf weist darauf hin, dass auf dem römischen Gutshof auch Textilherstellung betrieben wurde, ein typischer Bestandteil der Selbstversorgung einer Villa rustica.
1. bis 3. Jahrhundert nach Christus, Fundort Lengsdorf, Bonn. Beide Objekte sind kegelförmig mit leicht abgerundetem Scheitel und einem seitlichen Aufhängeloch im oberen Drittel, typisch für römische Webgewichte, die paarweise oder in Reihen an den Kettfäden des Vertikalwebstuhls befestigt wurden, um diese gleichmäßig zu spannen.
Das linke Exemplar ist größer und zeigt einen gleichmäßigeren Kegelschnitt, das rechte ist etwas unregelmäßiger geformt und dunkler verfärbt, was auf unterschiedliche Brennbedingungen oder Bodeneinlagerung hinweist.
Beide Stücke liegen in Klarsichtbeuteln, der linke Beutel trägt die handschriftliche LVR-Inventarnummer 32.459. Darunter liegen rosa Fundzettel des LVR-LandesMuseums.
Die Webgewichte sind Sachbelege für Textilherstellung auf dem römischen Gutshof, der Villa rustica, in der Gemarkung Lengsdorf und ergänzen die übrigen Fundstücke aus dem Lengsdorfer Fassbrunnen inhaltlich um den Bereich der Alltagswirtschaft.
Amphorenhenkel, Terra-Sigillata
Amphorenhenkel, Terra-Sigillata-Fragmente und Miniaturkrug, 2. Jahrhundert
Fassbrunnen Lengsdorf, 2. Jahrhundert. Im Einzelnen sichtbar:
zwei Terra-Sigillata-Scherben mit Reliefdekor, ein kleiner grauer Miniaturkrug aus grobem Ton, ein Amphorenhenkel aus hellbeigem Ton sowie eine flache Keramikscherbe mit der Beschriftung „Bonn 61″. Die Fundstücke stammen aus der Ausgrabung von 1933 im Bereich der ehemaligen Ringofenziegelei Lengsdorf und verweisen auf eine mögliche Villa rustica in der Gemarkung.
Halsfragment eines Kruges und Fragment einer Reibschüssel, 2./3. Jahrhundert
Reibschüsseln, Mortarien, dienten zum Zerstoßen von Gewürzen oder Kräutern. Die Innenseiten der Schüsseln wurden vor dem Brennen durch Einstreuen von Quarzsand, Kalkstein oder Ziegelbröckchen rau gemacht. Mithilfe eines Stößels aus Holz oder Ton konnten darin die Zutaten zermahlen und vermischt werden. Oft haben diese Schüsseln einen Ausguss zum leichteren Ausschütten des Gemahlenen. Für die Zubereitung römischer Speisen waren Reibschalen unerlässlich. Sie sind damit auch ein typisches Spiegelbild der Romanisierung.
Einer Reibschüssel, 2./3. Jahrhundert nach Christus.
Laut Museumsbeschriftung in der Vitrine werden ein Halsfragment eines Kruges und ein Fragment einer Reibschüssel gemeinsam unter diesem Schild gezeigt. Das abgebildete Stück mit Ausgusstülle und Wulstrand ist als Leihgabe des LVR-LandesMuseums Bonn dauerhaft im Heimatmuseum Lengsdorf zu sehen.
Graburne, Ende 1./Anfang 2. Jahrhundert
Das Tongefäß diente zur Aufnahme der Asche eines Verstorbenen. In die Wandung des Gefäßes wurde absichtlich ein Loch geschlagen. Unklar ist, ob es sich um ein sogenanntes Seelenloch handelt, das der Seele des Verstorbenen ungehinderten Zugang zur Unterwelt sichern sollte, oder man mit der Lochung einfach nur das Gefäß zum Schutz vor Grabraub unbrauchbar machen wollte.
Graburne, Ende 1./Anfang 2.
Jahrhundert. Kugelförmige Graburne aus grauem, geglättetem Ton. Der Rand ist gebrochen und mit Gips restauriert, die Oberfläche zeigt Verwitterungsspuren. Als Leihgabe des LVR-LandesMuseums Bonn dauerhaft im Heimatmuseum Lengsdorf.

















