Zacheiesverurteilung

Wie unsere Kirmes endet und warum ein Strohmann Schuld an allem ist

Stellen Sie sich vor: Es ist Sonntagabend, Anfang August. Drei Tage Kirmes liegen hinter uns. Das Wetter hat gehalten, der Platz vor dem Heimatmuseum ist noch einmal voll, die Kinder sind müde, die Erwachsenen sind ein bisschen heiser vom Reden, vom Lachen, vom Singen. Und gerade, wenn man denkt, jetzt klingt es langsam aus da kippt die Stimmung. Die Musik wird leiser. Dann ernster. Eine Trommel setzt ein, dumpf und getragen. Köpfe drehen sich. Ein Trauerzug formiert sich. Eine Witwe schreitet schwarz gekleidet hinter dem Sarg, hinter ihr die Klageweiber, und die klagen wirklich laut, lang, mit allem, was die Stimme hergibt. Und in der Mitte des Zuges liegt er, einen Meter siebzig, mit Lumpen bekleidet, das Stroh quillt an manchen Stellen heraus: der Zacheies. Er hat ein ganzes Jahr lang Lengsdorfer Schandtaten auf seine Schultern gepackt bekommen, und jetzt muss er dafür geradestehen.

Dann beginnt, was wir hier seit Generationen tun: wir klagen ihn an. Wir verurteilen ihn. Und wir verbrennen ihn. Und wenn die Asche noch warm ist, beginnen wir zu tanzen.

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Zacheiesverurteilung Lengsdorf

Wer ist eigentlich dieser Zacheies?

Er ist eine Strohpuppe. Lebensgroß. Mit Stroh ausgestopft, mit Lumpen bekleidet, das Gesicht aufgemalt oder aufgenäht, je nachdem, wer in dem Jahr die Hand im Spiel hatte. Er hat aber auch einen Namen und der Name hat eine Geschichte, die weit zurückreicht.

Zacheies ist die rheinische Form von Zachäus, und Zachäus kommt aus dem Hebräischen. Es bedeutet: „der Reine„. Eigentlich ein hübscher Name für jemanden, dem wir gleich alles in die Schuhe schieben werden, was schiefgelaufen ist aber das ist genau der Witz daran. Im Neuen Testament war Zachäus ein Oberzöllner aus Jericho, klein gewachsen und reich, und er wollte Jesus unbedingt sehen. Beim Durchzug durch die Stadt war so viel Volk auf der Straße, dass der kleine Mann gar nichts mitbekommen hätte. Also kletterte er auf einen Feigenbaum. Jesus sah ihn dort sitzen, rief ihn herunter und kehrte bei ihm ein. Das hat Zachäus von Grund auf verändert. Aus dem Steuereintreiber wurde später ein Begleiter des Apostel Petrus, und am Ende sogar ein Bischof in Palästina. Eine ziemliche Wendung für einen, der in seiner Heimatstadt nicht besonders beliebt war.

Denn Zöllner das sollte man dazu wissen waren zu Zachäus‘ Zeit nicht gerade gerngesehen. Sie zogen für die römische Besatzung Steuern ein, und mancher von ihnen ließ ein bisschen was in die eigene Tasche gleiten. Genau deshalb passt die Figur so gut für unseren Brauch. Der Zacheies, das ist einer, dem man zutraut, dass er für allerlei Verfehlungen einstehen muss. Bis er am Ende rein wird durchs Feuer. So wie der biblische Zachäus durch seine Begegnung mit Jesus rein wurde. Sehen Sie, da steckt mehr drin, als man auf den ersten Blick denkt.

In Köln und Bonn nennen ihn manche Orte auch Paias, und dieses Wort hat seine eigene Geschichte. Es kommt aus dem Französischen – paillasse– und bedeutet so viel wie Strohsack, Hampelmann oder Hans Wurst. Das passte zu der Puppe wie die Faust aufs Auge, und es ist auch kein Zufall, dass der Name aufkam, als das Rheinland um 1800 unter französischer Besatzung stand. Manches Wort bleibt eben hängen. Und davor, im Mittelalter, da gab es schon die Possenreißer auf den Jahrmärkten, närrische Gestalten in bunten Sachen, die das Volk unterhielten. Wenn Sie sich den Zacheies anschauen, sehen Sie eigentlich einen Urenkel von denen.

In Lengsdorf haben wir aus alldem etwas Eigenes gemacht. Mit dem biblischen Zachäus als Namensgeber, mit der Kirmes als Bühne, mit einem Tribunal, das jedes Jahr aufs Neue geschrieben wird, weil sich jedes Jahr aufs Neue genug Geschichten ansammeln, die man erzählen muss.

Zacheiesverurteilung Lengsdorf

Der Trauerzug – wenn die decke Trumm einsetzt

Wenn der Zacheies wieder da ist und die letzte Kirmes-Sonne hinter den Häusern verschwindet, dann beginnt es. Vor dem Heimatmuseum sammelt sich der Trauerzug. Sie kommen aus allen Ecken: die Witwe in Schwarz, die Klageweiber daneben, die Trauerkapelle hinten dran, und allen voran die „decke Trumm“, eine alte, große Bönsch-Trommel, deren dumpfer Schlag den ganzen Zug zusammenhält. Wenn die einsetzt, weiß man: Jetzt geht es los.

Der Zug zieht durch die Straßen Lengsdorfs. Es ist gespielt, klar -aber es ist nicht albern. Die Witwe meint es ernst, in dem Sinne, dass sie es richtig macht. Die Klageweiber klagen so laut, dass die Nachbarn an den Fenstern stehen. Die Musik trägt einen Trauermarsch. Und der Zacheies liegt in der Mitte, ganz still natürlich, wie es sich für einen Toten gehört. Wer das zum ersten Mal sieht, dem stockt kurz der Atem. Und genau das ist der Punkt. Bevor man lacht, soll man einen Moment lang merken: Hier endet etwas. Hier nimmt eine Kirmes Abschied.

Der Zug kommt zurück zum Platz vor dem Heimatmuseum, und dort wartet schon das Tribunal.

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Das Tribunal, alle Sünden des Jahres auf einer Strohpuppe

Jetzt müssen Sie sich vorstellen, dass aus dem Trauerzug ein Gericht wird. Der Zacheies wird vor den Richter geführt, und der Richter -viele Jahre lang war das Christoph Schada, der dieses Amt seit 2008 gemacht hat und 2025 zum letzten Mal – der Richter hat eine Liste in der Hand. Eine lange Liste. Auf Bönsch geschrieben, wohlgemerkt, in unserer rheinischen Mundart, die nicht jeder Außenstehende auf Anhieb versteht. Aber lachen kann man auch ohne jedes Wort.

Der Ankläger fängt an. Punkt für Punkt liest er vor, was der Zacheies dieses Jahr alles angestellt hat. Und damit das ein faires Verfahren wird, hat der Zacheies sogar einen Verteidiger, der ihm beisteht. Ja, eine Strohpuppe braucht einen Anwalt – das ist keine Frage, das ist Tradition. Der Verteidiger erwidert auf jeden Punkt, und so geht das hin und her.

Was steht auf so einer Liste? Die alten, kanonischen Worte fallen jedes Jahr: dass der Zacheies ein Herumtreiber ist, ein Faulenzer und ein Säufer. Das gehört dazu wie das Amen in der Kirche. Aber dann kommen die frischen Geschichten.

Im Jahr 2025 zum Beispiel: dass der Zacheies hingegangen ist und der Baufirma die falsche Straße genannt hat. Die kaputte Provinzialstraße sollte neu gemacht werden – und stattdessen wurde der Ohringsweg aufgerissen, weil der Drecksack es so wollte. Oder dass er den Edeka-Manager überredet hat, montags die Fleischtheke zuzumachen, und als er gemerkt hat, dass das funktioniert, hat er gleich noch vier Wochen Sommerferien hinterhergeschoben – vier Wochen ohne frischen Fisch und Käse, und das soll mal jemand erklären. Oder dass er einen Dachs vom Poppelsdorfer Friedhof eingefangen und ihn auf dem Naturrasenplatz vom VfL ausgesetzt hat, wo der das ganze Spielfeld durchlöchert hat, sodass die Fußballer jetzt seit Wochen versuchen, das Vieh wieder einzufangen.

So geht das eine Stunde lang. Manchmal länger. Das Publikum lacht, ruft dazwischen, applaudiert. Und während man lacht, merkt man: Das ist alles wahr, irgendwie. Die kaputte Straße. Der geschlossene Laden. Die kleinen Ärgernisse, die jeder im Dorf kennt, weil man sich beim Bäcker oder am Gartenzaun darüber unterhalten hat. Hier werden sie noch einmal alle aufgezählt – und einer Strohpuppe in die Schuhe geschoben. Es ist ein Spiegel, den das Veedel sich selbst vorhält. Mit einem Augenzwinkern, ja. Aber mit Genauigkeit.

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Der letzte Tanz – und was die Witwe damit zu tun hat

Bevor das Urteil fällt, hat die Witwe noch ihren Auftritt. Und das, meine Damen und Herren, das ist eine Geschichte für sich.

Über fünfzehn Jahre lang hat Francesco die Witwe gespielt, und 2025 war sein letztes Mal. Ich sage „sein“, weil die Witwe nämlich ein Mann ist. So ist das im rheinischen Brauch -und wer Francesco einmal in der Rolle gesehen hat, wer ihn in seinem schwarzen Kleid mit dem Schleier hat klagen hören, der vergisst das nicht. Er weint, er ringt die Hände, er klagt um seinen verlorenen Mann – diesen Drecksack, diesen Zacheies, der ihm das Herz gebrochen hat – und das Publikum kringelt sich vor Lachen und ist gleichzeitig irgendwie gerührt, weil man merkt: Da steckt jemand drin, der das mit ganzer Hingabe macht.

Und dann fordert sie den Zacheies zu einem letzten Tanz auf. Einen Walzer. Das traditionelle Lied dazu heißt „Pute, Pute“ ein Schlagerstück, ein bisschen kitschig, ein bisschen anrührend, mit einer Zeile, in der eine Rose im Knopfloch verschenkt wird und ein Herz davon fliegt. Sie tanzt mit der Strohpuppe. Sie hält ihn in den Armen, sie dreht sich mit ihm, sie schaut ihm in das aufgemalte Gesicht. Und manchmal bekommt sie sogar eine kleine Träne ins Auge, das schwöre ich Ihnen.

Das ist die Stelle, an der der Brauch zeigt, was er kann. Eben noch hat man gelacht -über kaputte Straßen und entlaufene Dachse. Und auf einmal merkt man: Da geht ein Jahr zu Ende. Da wird etwas verabschiedet. Es ist ein Schmunzeln und ein Schlucken zugleich. Anders kann ich es nicht beschreiben.

Das Urteil – Tod durch Verbrennen

Wenn die letzte Note des Walzers verklungen ist, wird die Witwe sanft beiseite genommen. Der Richter erhebt sich. Er liest die Anklage noch einmal vor, in einem Satz zusammengefasst, und dann fällt das Urteil: Tod durch Verbrennen.

Die Schergen holen den Zacheies. Die Jugendfeuerwehr Lengsdorf vollstreckt – sicher, beaufsichtigt, alles wie es sich gehört, denn wir verbrennen ja nicht aus Versehen die halbe Hauptstraße mit. Der Zacheies wird auf den Scheiterhaufen gelegt. Das Feuer schlägt hoch. Die Menschen rücken näher, weil sie es sehen wollen, weil das Feuer wärmt, weil etwas an dem Bild einen festhält. Und während die Strohpuppe brennt, brennt mit ihr alles weg, was das Jahr an Ärger gebracht hat. Die kaputte Straße ist nicht weg, klar. Aber sie ist abgehakt. Wir haben sie verbrannt. Im Dorfgedächtnis, mindestens. Und damit ist die Kirmes offiziell zu Ende.

Und dann tanzen wir

Wenn die letzte Note des Walzers verklungen ist, wird die Witwe sanft beiseite genommen. Der Richter erhebt sich. Er liest die Anklage noch einmal vor, in einem Satz zusammengefasst, und dann fällt das Urteil: Tod durch Verbrennen.

Die Schergen holen den Zacheies. Die Jugendfeuerwehr Lengsdorf vollstreckt – sicher, beaufsichtigt, alles wie es sich gehört, denn wir verbrennen ja nicht aus Versehen die halbe Hauptstraße mit. Der Zacheies wird auf den Scheiterhaufen gelegt. Das Feuer schlägt hoch. Die Menschen rücken näher, weil sie es sehen wollen, weil das Feuer wärmt, weil etwas an dem Bild einen festhält. Und während die Strohpuppe brennt, brennt mit ihr alles weg, was das Jahr an Ärger gebracht hat. Die kaputte Straße ist nicht weg, klar. Aber sie ist abgehakt. Wir haben sie verbrannt. Im Dorfgedächtnis, mindestens. Und damit ist die Kirmes offiziell zu Ende.

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Wer das alles trägt

Damit Sie sich vorstellen können, wie viele Hände hinter so einem Abend stecken: Der HVV Der Heimat und Verschönerungsverein ist der Träger. Wir sind die Hüter dieses Brauchs, wir organisieren ihn, wir schreiben mit am Skript, wir lösen den Zacheies aus, wir sorgen dafür, dass alles seinen Platz hat. Aber alleine ginge es nicht. Der Ortsfestausschuss trägt die Kirmes als Ganzes mit, und unser Brauch ist der letzte Akt dieses Programms. Der Junggesellenverein entführt den Zacheies und macht aus dem Lösegeld eine Spende. Der Richter, der Verteidiger, der Ankläger – das sind Lengsdorferinnen und Lengsdorfer, die diese Rollen oft über viele Jahre tragen. Witwe und Klageweiber geben dem Trauerzug sein Gesicht. Die Trauerkapelle trägt mit der decke Trumm den Sound des Abends. Und die Freiwillige Feuerwehr mit ihrer Jugendfeuerwehr sorgen dafür, dass aus einem Brauch keine Brandkatastrophe wird.

Und dann sind da noch die vielen ungenannten Hände: die Leute, die die Strohpuppe bauen und ankleiden, die das Feuer vorbereiten, die die Bühne stellen, die nach Mitternacht zusammenräumen. Es ist viel Arbeit für einen einzigen Abend. Aber sie wird Jahr für Jahr gemacht, und sie wird gerne gemacht. Weil das hier eben nicht irgendein Programmpunkt ist. Es ist unser Programmpunkt. Es ist Lengsdorf, wie Lengsdorf es macht.

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